Jeannette Sorg

Jeannette Sorg Für die Kleinsten
Kurz nach sechs Uhr morgens ist die Frühchenstation im SRH Zentralklinikum Suhl bereits hellwach. Auf den Fluren wird leise gesprochen, Monitore piepen, Türen öffnen und schließen sich. Und hinter einer dieser Türen beginnt für Jeannette Sorg der Arbeitsalltag. Vor ihr stehen kleine Fläschchen, beschriftet mit Namen, Uhrzeiten und exakten Mengenangaben. Manche enthalten nur wenige Milliliter, doch für die kleinsten Patientinnen und Patienten des Hauses ist jeder einzelne davon entscheidend.
„Muttermilch ist die erste natürliche Impfung, die du einem Kind geben kannst.“
Jeannette Sorg
Seit fast 30 Jahren versorgt Jeannette gemeinsam mit ihrem Team Früh- und Neugeborene im SRH Zentralklinikum Suhl mit Mutter- und seit drei Jahren auch mit Spendermilch und Formulanahrung. Als Leiterin der Milchküche trägt sie Verantwortung für eine Arbeit, die höchste Präzision, großes medizinisches Fachwissen und enge Begleitung der Familien in einer besonders sensiblen Zeit erfordert.
Dass sie einmal die Milchküche leiten würde, hätte sich Jeannette früher nie vorstellen können. Eigentlich wollte sie Krankenschwester werden, bis ihr eine Allergie gegen Latex und den damaligen Desinfektionsmitteln einen Strich durch die Rechnung machte. Also entschied sie sich dafür, eine Arbeit als Gärtnerin anzunehmen – ebenfalls im Klinikum. Als sie dann nach ihrer Elternzeit Ende der 1990er-Jahre ins Klinikum zurückkehrte, befand sich die einzige freie Stelle ausgerechnet an dem Ort, den sie unbedingt vermeiden wollte: in der Milchküche. Der Grund für ihr Unbehagen lag in den traurigen Erinnerungen an ihre bereits früh verstorbene Mutter, die ebenfalls in der Milchküche tätig war.
Doch ihr blieb keine andere Wahl und so bestand ihre Arbeit vor allem daraus, Milchersatzprodukte unter strengen hygienischen Vorgaben zuzubereiten. Anfangs fiel ihr es schwer, den neuen Job anzunehmen und in ihre Tätigkeiten richtig reinzukommen. Da die Bestellungen der Milch telefonisch abliefen und die Zubereitung in der Hauptküche stattfand, bekam sie die Kinder selbst nie zu Gesicht. „Da wurde gesagt, wir brauchen von der Nahrung so und so viele Flaschen mit dieser Menge. Und dann wurde das abgeholt und man hat nie mitbekommen, für wen das eigentlich ist, weil die Kinderklinik damals noch in einem ganz anderen Haus war“, erinnert sie sich.
Schritt für Schritt zur Expertin
Erst mit dem Umzug näher an die Kinderklinik Anfang der 2000er-Jahre veränderten sich die Arbeit und auch die Verbindungen zu den Betroffenen nach und nach. Die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal wurde immer enger, Absprachen direkter, der Austausch intensiver. Jeannette begann, eigene Ideen einzubringen und Prozesse mitzugestalten: „Mit der Zeit habe ich dann festgestellt, dass der Kunde Wert auf meine Meinung legt“.
Mit steigender Verantwortung wuchs auch ihr Wissen. Sie brachte sich alles selbst bei, recherchierte intensiv und baute über die Jahre einen fundierten Erfahrungsschatz auf. So entwickelte sich Jeannette immer mehr zur Ansprechpartnerin für Fragen rund um Muttermilch, Spendermilch und die Ernährung von Früh- und Neugeborenen. „Ich bin hier gewachsen“, sagt sie heute. Aus ihren anfänglichen Bedenken wurde mit den Jahren eine echte Leidenschaft, der sie auch in ihrer Freizeit nachgeht. Nicht selten bildet sie sich nach Schichtende auf ihrer Couch in Form von Webinaren weiter, besucht Fortbildungen und Frauenmilchbanken in ganz Deutschland. Ab September wird sie eine Weiterbildung zur Humanmilchtechnische Assistenz (HMTA) machen, die erste Weiterbildung dieser Art in Deutschland.



Was macht eine Frauenmilchbank?
In der Frauenmilchbank des SRH Zentralklinikums Suhl wird gespendete Muttermilch für Früh- und Neugeborene gesammelt, untersucht, dokumentiert und sicher aufbereitet. Sie kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn Mütter ihre Kinder nach der Geburt noch nicht ausreichend mit eigener Muttermilch versorgen können. Bevor Spendermilch verwendet werden darf, werden sowohl die Spenderinnen als auch die Milch selbst umfassend untersucht. Dazu gehören medizinische Fragebögen, Blutuntersuchungen sowie mikrobiologische Kontrollen der Milch. Je nach medizinischer Situation wird die Milch zusätzlich entkeimt. Die Versorgung erfolgt individuell und millilitergenau. Jedes Kind erhält genau die Nahrung, die es entsprechend seiner Entwicklung und seines Gesundheitszustandes benötigt.
Von der Milchküche zur Frauenmilchbank
Vor rund sechs Jahren entstand schließlich die eigene Frauenmilchbank im Klinikum. Als der jetzige Chefarzt der Kinderklinik, Sebastian Horn, seine Arbeit in Suhl aufnahm, ließ er sich zunächst die Abläufe in der Milchküche von Jeannette erklären. Er hörte ihr aufmerksam zu und stellte ihr schließlich eine Frage, die vieles verändern sollte: „Warum machen wir keine Frauenmilchbank?“
Die Idee traf auf eine Struktur, die längst gewachsen war. Viele hygienische Konzepte, Dokumentationen und Abläufe hatte Jeannette bereits zuvor entwickelt und etabliert. Der neue Chefarzt ermöglichte dann die Teilnahme an der sogenannten Neomilk-Studie, um bei der Entwicklung von Konzepten und Rahmenbedingungen von Frauenmilchbanken zu unterstützen. „Das hatte ich ja alles vorher schon erstellt für die Milchküche. Diese Dokumente konnten wir dann entsprechend vorbereiten und nutzen“, erzählt Jeannette.
Fehlende Kenntnisse – etwa beim Aufbau von Datenbanken oder Dokumentationssystemen für die Spendermilch – brachte sie sich selbst bei: „Ich hatte ja nie einen Computerkurs besucht“, erinnert sie sich. Also entwickelte Jeannette eigene Tabellen und Strukturen, dokumentierte Spenderinnen, medizinische Daten und die Versorgung der Kinder eigenständig. Dabei geht es um weit mehr als reine Organisation. Denn je nach Gesundheitszustand der Kinder müssen zahlreiche medizinische Faktoren berücksichtigt werden. Dazu zählen auch die sogenannten CMV-Infektionen, die insbesondere für Frühgeborene schwerwiegende Folgen haben können.
Wie komplex diese Arbeit tatsächlich ist, zeigt sich vor allem im Alltag der Frauenmilchbank. Kein Tag verläuft wie der andere. Rund 18 bis 19 Kinder werden auf der Frühchenstation und auf der Kinderstation versorgt mit Spendermilch versorgt – viele von ihnen erhalten bis zu zwölf Mahlzeiten am Tag. Jede einzelne Mahlzeit wird exakt vorbereitet, beschriftet und dokumentiert. „Das ist nicht wie ein Band, da lege ich mal eine Kartoffel mehr drauf. Hier muss es ganz genau bemessen sein. Hier ist alles strukturiert und ganz exakt“, sagt Jeannette.
Die erste natürliche Impfung eines Kindes
Die Arbeit verlangt auch Fähigkeiten von Jeannette ab, die nicht erlernbar sind. „Auf unserer Station gibt es viel Freude und auch viel Leid“, sagt sie. Gerade deshalb geht es nicht nur um hygienische Standards und exakte Dokumentation, sondern darum, Familien aufzufangen, zuzuhören und Sicherheit zu vermitteln.
Für viele Mütter ist die erste Zeit nach der Geburt herausfordernd. Häufig reicht die eigene Muttermilch zunächst nicht aus, um die Kinder vollständig zu versorgen. Auch früh geborene und gesundheitlich belastete Kinder profitieren von der speziellen Zusammensetzung der Muttermilch. Die Entscheidung über den Einsatz von Spendermilch erfolgt immer individuell und in enger Abstimmung mit den behandelnden Ärztinnen, Ärzten sowie den Eltern. In vielen Fällen wird Spendermilch nur so lange benötigt, bis die Mutter ihr Kind wieder vollständig selbst versorgen kann.



Warum Muttermilch „weißes Gold“ genannt wird
Muttermilch gilt als die optimale Ernährung für Neugeborene und Frühgeborene. Sie enthält nicht nur Kohlenhydrate, Fette und Proteine, sondern auch Antikörper, Enzyme, Hormone, Wachstumsfaktoren und lebende Zellen, die die Entwicklung und das Immunsystem der Kinder unterstützen. Besonders für Frühgeborene spielt Muttermilch eine entscheidende Rolle. Sie kann das Risiko schwerer Infektionen, die Häufigkeit an Adipositas, Bluthochdruck sowie Diabetes reduzieren und die psychomotorische Entwicklung verbessern. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt die Ernährung mit Spendermilch, bis ein Kind mit eigener Muttermilch versorgt werden kann. Jeannette spricht daher nicht ohne Grund vom „weißen Gold“.

Grenzenloses Vertrauen
Trotz der vielen Vorteile löst die Ernährung durch Spendermilch bei manchen Eltern zunächst Unsicherheiten aus. Jeannette berät die besorgten Eltern, holt sie in ihren Ängsten und Sorgen ab und zeigt, wie sicher das natürliche Lebensmittel ist: „Wir müssen da sehr individuell vorgehen und die Muttis beraten. Auch in sehr belastenden Situationen. Aber das kannst du nicht lernen.“
Neben den Familien und Spenderinnen führt Jeannette täglich viele Gespräche mit Ärztinnen, Ärzten und medizinischem Personal der Stationen. Die Zusammenarbeit ist eng, das Vertrauen grenzenlos. Jeannette und ihr Team beantworten Fragen zur Keimbelastung oder den vorgegebenen Leitlinien. Dabei endet die Arbeit nicht auf der Frühchenstation. Auch andere Bereiche des Klinikums greifen regelmäßig auf das Wissen des Teams zurück. Von der Geburtshilfe bis zur Kinderstation werden Fragen rund um Ernährung, Muttermilch und Ersatzprodukten gemeinsam abgestimmt. Selbst größere Kinder erhalten in manchen Fällen weiterhin spezielle Nahrung aus der Frauenmilchbank. Jeannette freut sich über diese Wertschätzung; „Wir betreuen die Mütter und die Kinder quasi Hand in Hand, gemeinsam mit den Ärzten und Schwestern“.
Lebenslange Verbindungen
Wie eng Jeannette und ihr Team wirklich mit den Familien verbunden sind, zeigt sich oft erst über die Jahre hinweg. Anders als in vielen anderen Bereichen der Klinik bleiben die Begegnungen nicht anonym. „Hier lernst du die komplette Familie kennen“, erzählt sie. Manche Kontakte bleiben über lange Zeit bestehen, manchmal entstehen sogar Freundschaften.
Besonders bewegt spricht Jeannette von ihrem ersten Frühchen. Emil ist heute 21 Jahre alt. Viele Jahre lang kam er gemeinsam mit seiner Mutter zu den jährlichen Frühchentreffen im Klinikum. „Sie hat ihm immer eine Fliege angezogen“, erinnert sie sich und lächelt. „Er wusste nicht, wer ich war, aber er hat mich immer gedrückt.“ Die Verantwortung, die Nähe zu den Familien und das Wissen, mit der eigenen Arbeit einen kleinen Teil zu einem gelungenen Start ins Leben beitragen zu können, motivieren Jeannette bis heute. So ist aus der Arbeit, die sie einst nie machen wollte, über die Jahre eine Aufgabe geworden, die sie jeden Tag mit Stolz erfüllt, wenn ein neues Wunder erfolgreich ins Leben startet.
Abschließend wünscht sie sich, dass diese Arbeit künftig sichtbarer wird – innerhalb und außerhalb des Klinikalltags. Denn vieles von dem, was Jeannette und ihr Team leisten, bleibt für Außenstehende unsichtbar: „Da möchte ich noch viel mehr erreichen. Wir ziehen hier alle am gleichen Strang und machen gemeinsam einen super Job. Und das will gesehen und unterstützt werden. Das wünsche ich mir für die Zukunft.“